Panel II

Der Körper in der Kultur und die Kultur im Körper

Die wichtige Verbindung zwischen Kultur und Körper wurde lange übersehen, in einem Ausmaß, dass in den meisten Körperpsychotherapie-Büchern das Wort ‚Kultur` im Index nicht aufgelistet wurde. Dies passt gar nicht zu unserer täglichen Arbeit, gerade wenn wir mit traumatisierten KlientInnen arbeiten, die ihr Heimatland, freiwillig oder gezwungenermaßen als Flüchtlinge und MigrantInnen verlassen haben.Die PanelteilnehmerInnen werden ihre jeweiligen Perspektiven zu diesem Thema vorstellen. Auf dem Hintergrund ihrer Lehr- und klinischen Erfahrungen werden sie hierbei auch ihre eigenen persönlichen Erfahrungen mit körperlichen Manifestationen von Kultur mit einschließen. Das Zusammenspiel zwischen der Makroskala von ethnischer Kultur, Gesellschaft, sozio-ökomonischer Klassen, politischer Kultur und der Mikroskala als körperliches Aussehen, Signalen, Symbolen, Rhythmen und Symptomen werden erkundet und diskutiert.

Julianne Appel-Opper

Für 12 Jahre war ich eine Therapeutin, die selbst eine Migrantin war ‚eine zweite Fremde’ im Raum. Wenn Kultur „die Wirklichkeit“ ist, dann treffen sich zwei Wirklichkeiten mit ähnlichen und unterschiedlichen körperlichen Rhythmen des Soseins in der eigenen Wirklichkeit. Seit dieser Zeit fasziniert es mich die eigene Wirklichkeit zu verstehen und wie der eigene kulturelle Narzissmus überwunden werden kann. In Berlin biete ich Therapie hauptsächlich in englischer Sprache an. Die erste Sprache meiner KlientInnen ist englisch/amerikanisch oder anderssprachig. Mein Fokus auf interkörperliche Prozesse erschließt mir die kulturelle Sprache des Körpers und damit einen Zugang zu den traumatischen Erfahrungen, die im Körper von einer anderen Wirklichkeit und Sprache festgehalten werden.
picture

Julianne Appel-Opper

Julianne Appel-Opper, Dipl-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, UKCP Registrierte Integrative Psychotherapeutin, Supervisorin (Univ. Birmingham, U.K.), internationale Trainerin und Lehrbeauftragte an Psychotherapie Ausbildungsinstituten wie in Norwegen, Rumänien, U.K. seit 2001. Für 12 Jahre lebte und arbeitete sie in Frankreich, Israel, Kalifornien und in U.K. Seit 2006 ist sie in privater Praxis in Berlin tätig. Seit vielen Jahren leitet sie internationale Trainingsprogramme über interkörperliche Prozesse in Berlin. Neben dieser Themen, hat sie auch seit 2010 über den Zusammenhang zwischen dem Körper und der Kultur publiziert.

Madlen Algafari

Ich möchte über meine Erfahrungen in der Arbeit mit Migrationsgesellschaften (USA, UK, Spanien, Schweden) sprechen, aber auch von einem sozialistischen Gesichtspunkt, dass ein Anderssein im Westen einen Wert besitzt, während im Sozialismus Uniformität durch eine sexualfeindliche und patriarchalische Erziehung einen Wert bekommt. Innerhalb traditioneller Gesellschaften ist der Körper kein Element von Individualität, sondern eine Ware/ein Gut, das in der Gemeinschaft geteilt wird. In modernen Gesellschaften wählt eine Person ihre Identität mithilfe des Körpers (Make-up, Tatoos, Piercings, Schönheitsoperationen). Die äußere Personalisierung des Körpers unterscheidet die Westliche von der Sozialistischen Ideologie, welche Spiritualität betont und sich mit einer Nachlässigkeit gegenüber allem Materialistischen brüstet.
picture

Madlen Algafari

Madlen Algafari, Neoreichianische analytische Psychotherapeutin. Mitglied der Bulgarischen Psychotherapeutischen Gesellschaft, der Bulgarischen Neoreichianischen Psychotherapeutischen Gesellschaft, der Bulgarischen Wissenschaftlichen Gesellschaft, des Vorstands des Bulgarischen Instituts für Neoreichianische Analytische Psychotherapie, der Europäischen Gesellschaft für Körperpsychotherapie, 20-jährige Erfahrung als Körperpsychotherapeutin, Lecturer in Psychoanthropologie bei BINAP, Autorin von 10 Büchern.

Cristina Angelini

Nach 16-jähriger Arbeit mit Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern (Subsahara-Afrika, Mittlerer Osten) im Mittleren Osten, Afrika und Nepal, reflektiere ich darüber, wie der Körper durch die Kultur und verschiedener Genderstereotpyen geformt wird. Gerade in traditionellen Gesellschaften sind Frauen und Männer verzweifelt bemüht, (oder werden gezwungen) sich den Geschlechtererwartungen und den Schönheitsvorstellungen anzupassen, um so integriert und akzeptiert zu werden (siehe weibliche Genitalverstümmelungen, die wachsende Intimchirurgie/genitale Kosmetikoperationen in den westlichen Ländern/US, sowie verschiedene Psychopathologien bezüglich des Körpers). Meine Reflektionen betrachten den Körper als einen Container unserer Erfahrungen, speziell traumatischer Erfahrungen, die in der Flüchtlingspopulation sehr evident ist.
picture

Cristina Angelini

Cristina Angelini, arbeitet seit 25 Jahren als Psychotherapeutin: Analytisch – Körper- Ansatz, EMDR, Therapie mit Kindern; seit 15 Jahren als Beraterin in internationalen Projekten in: Gaza-Palästina, Jordanien, Syrien, Nepal, Tansania, Äthiopien, Burkina-Faso, Irak-Kurdistan, Libanon. Trainer für: EU, UNICEF-UNFPA, UNHCR, AIDOS, etc. über: sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt, PTSD, Psychologische Erste Hilfe, Resilienz, Beratung im Notfall, Kindesmissbrauch, etc. Italienische Delegierte bei ‚Women Deliver’, Kuala Lumpur, Malasia. Lecturer bei UN CSW 2014/15 New York, US.

Rubens Kignel

Die Erfahrungen meiner Arbeit in Österreich, England, Frankreich, Deutschland, Italien, Schweiz, Russland, Japan, Brasilien, Argentinien, Mexiko, Israel, Ungarn, Spanien, Portugal, USA machten mich demütig genug, um über die Kulturen mit den Kulturen zu lernen. Gewöhnlich lehren sie mich, was ich lernen muss und dann kann ein Austausch beginnen. Es ist enorm wichtig anzuerkennen, dass Du selbst der Andere bist und nicht die Anderen. Von diesem Ausgangspunkt haben wir einen guten Anfang für einen möglichen Wissensaustausch. In diesem Gebiet möchte ich mich in meinem Vortrag bewegen.

picture

Rubens Kignel

Rubens Kignel, Psychotherapeut, Körperpsychotherapeut, Doktor in Kommunikation und Semiotik, Universität von Bologna. Ex-Präsident und Gründer der Brasilianischen Gesellschaft für Psychotherapie. Mitglied von EABP seit der Gründung. Gastdozent an der Universität von São Paulo. Selbständiger Trainer an verschiedenen Körperpsychotherapie-Schulen rund um den Globus. Gründer und Direktor der Japanischen Schule der Körperpsychotherapie BIPS.

Ulrich Sollmann

Wir müssen die multikulturelle, interkulturelle und transkulturelle Perspektiven unterscheiden. Arbeiten mit jemandem aus einer anderen Kultur - so wie ich dies in China schon seit vielen Jahren mache – ist wie ein ethnologisches Projekt. Du weisst wenig darüber, wer Du bist und wer der Andere ist. Sich auf eine andere Kultur zu beziehen bedeutet, dass man für eine psycho-soziale Induktion offen ist. Dies ist mit drei Aspekten verbunden:
Die eigene Bewusstheit: 1. Die eigene Wahrnehmung unterscheidet sich von der des anderen. 2. Die Übertragung sollte kulturelle Übertragungen beinhalten. 3. Lernen beginnt mit „Ent-Lernen“, nämlich das was man vorher gelernt hat. Für mich besteht die wichtige Kompetenz darin, zum Staunen fähig zu sein (wie ein professionelles Kind).
picture

Ulrich Sollmann

Ulrich Sollmann, Gestalt- und Körperpsychotherapeut (Bioenergetische Analyse), Coach und Berater von Führungskräften in Wirtschaft und Politik, Publizist, Buchautor, Lehrbeauftragter und Blogger. Schwerpunkte: Körpersprache, nonverbale und transkulturelle Kommunikation, sexueller und Beziehungsmissbrauch, Scham und Selbsterleben, Slow Motion Movement, Führung und Persönlichkeit, öffentliche und mediale Inszenierung von Firmen, Managern und Politikern. Arbeitet und veröffentlicht seit vielen Jahren international, besonders in China (ethnologischer Forschungsansatz). Aktuell befasst mit Säuglingsbeobachtung in Hinblick auf Entwicklung der Körperkompetenz.