Panel V

Perspektiven der Körperpsychotherapie in Europa

Manfred Thielen, Leitung des Panels

Die Paneldiskussion soll unter vier hauptsächlichen Fragestellungen geführt werden.

1. Wie ist der wissenschaftliche Status der Körperpsychotherapie (KPT) in Europa und besonders in den Ländern, wo die PanelteilnehmerInnen arbeiten? Welche Rolle spielt die KPT in der offiziellen Psychotherapie und im Gesundheitssystem? Wird Psychotherapie und wenn ja, welches Verfahren, von den Krankenkassen bezahlt? Existiert ein Gesetz für Psychotherapie und die Berufsgruppe der PsychotherapeutInnen?

2. Wie kann die KPT ihren Status verbessern und sich im offiziellen Feld der Psychotherapie in Europa und in den Ländern, in denen die TeilnehmerInnen arbeiten, besser etablieren?

3. Welcher psychotherapeutischen Grundorientierung sollte sich die KPT zuordnen? Der humanistischen wie in Deutschland oder der psychodynamischen Grundorientierung, wie in den früheren Jahrzehnten?

4. Was sind die Herausforderungen für die KPT heute? In einer narzisstischen, postmodernen und kapitalistischen Gesellschaft wie in Deutschland (und vielleicht auch in anderen Ländern Europas) stehen Arbeitsausfalltage aufgrund psychischer Gründe an der zweiten Stelle der Häufigkeit. Psychische Probleme und Störungen haben zugenommen. Auch die klinischen Störungsbilder wie Burn-out, diffuse Ängste, aber auch narzissistische – und Borderline-Störungen sind angewachsen. Mit welchen theoretischen und praktischen Konzepten arbeiten sie mit diesen Störungsbildern? Reichen die basalen körperpsychotherapeutischen Herangehensweisen sowohl in einer neoreichianischen als auch in einer wahrnehmungsbezogenen Orientierung aus, um erfolgreich mit ihnen arbeiten zu können?

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Manfred Thielen, Leitung des Panels

Dr. phil., Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Körperpsychotherapeut, Ausbilder, Lehrtherapeut, Supervisor, Leiter des Instituts für Körperpsychotherapie Berlin, Dozent am Institut für Psychotherapie Potsdam, der Berliner Fortbildungs Akademie, an der Akademie für angewandte Psychologie und Psychotherapie Köln, Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg-Stendal, Mitglied im Redaktionsbeirat des Psychotherapeutenjournal, Delegierter der Berliner Psychotherapeutenkammer und der Bundespsychotherapeutenkammer, Vorsitzender der DGK, Vorsitzender der AGHPT. Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Körperpsychotherapie, zuletzt: Thomas Harms& Manfred Thielen (Hg.): Körperpsychotherapie und Sexualität. Grundlagen, Perspektiven und Praxis. Gießen 2017, Psychosozial-Verlag.

Marc Brami

Wilhelm Reich wusste es schon: ein geistig gesunder Mensch hat die Fähigkeit zu Freude, Glück, sogar Ekstase, und neigt dazu, kooperative, friedliche, sogar liebevolle soziale Systeme zu bauen. Als Körperpsychotherapeuten und Erben Reichs sind wir uns generell im Klaren, was gute Gesundheit an Körper und Geist auf der persönlichen Ebene bedeutet. Wenn wir aber anfangen, dies in unseren Klienten zu fördern, dann heisst das manchmal, Normen oder Ideologien, die unserer weniger-als-perfekten Gesellschaft lieb sind, zu ignorieren. Wie ‘Mainstream’ wollen wir in einer solchen Gesellschaft sein? Das etwas zwiespältige Psychotherapiegesetz, das Frankreich im Jahr 2004 angenommen hat, hinterlässt viele Kollegen in einem Quasi-Aussenseiter-Status: wie problematisch ist es wirklich?
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Marc Brami

Psychologe, Körperpsychotherapeut in Biodynamischer Psychologie ausgebildet, Schriftsteller. Arbeitet in Privatpraxis. Vorstandsmitglied des APPB (des Französischen Berufsverbandes der Biodynamischen Psychologen) und Ausbildungsassistent an der Ecole de Psychologie Biodynamique (Montpellier, France).

Alessandro Fanuli

Die Entstehung der Körperpsychotherapie (KPT) in Italien wurde inspiriert von den ersten Übersetzungen von Reich's Werk in den 60er Jahren und hat sich seither über einen Zeitraum von ca. 30 Jahren auf einem Pfad entwickelt, der sich durch die Italienische Kultur windet: eine Kultur starken Körperausdrucks und mit tiefen Gefühlen unter dem Einfluss katholischer Hemmungen und katholischer Lustfeindlichkeit, mit dem verkörperten Symbol des Opfers Christi. Das Bedürfnis nach einem separaten Raum in diesem Spannungsfeld hat zur heutigen Lösung geführt, die eine theoretische und erfahrungszentrierte Orientierung verfestigt hat, und die durch die neuro-wissenschaftliche Forschungen in den letzten Jahren neue Impulse erfahren hat zu einem neuen systematischen Ansatz der KPT. Dadurch ist auch eine neue Sicht von Vergnügen und Lust im menschlichen Verhalten entstanden. Diese Neu-Orientierung hat größere wissenschaftliche Festigkeit gebracht, aber der Weg zur Anerkennung der KPT durch das italienische Gesundheitswesen ist immer noch lang.
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Alessandro Fanuli

Übersetzung auf Deutsch folgt in Kürze!

 

 

 

Ulfried Geuter

Von Praktikern wird die Körperpsychotherapie in Deutschland als ein klinisch hilfreiches Verfahren geschätzt, insbesondere angesichts der Dissoziation und Entfremdung in einer Welt, die den leidenden Körper verleugnet. Körperpsychotherapie ist zwar in Kliniken, auf Kongressen oder in Lehrbüchern präsent. Rechtlich aber sind nur behaviorale und psychodynamische Therapien anerkannt, nicht die Körperpsychotherapie. Die DGK versucht ihre Anerkennung als Teil der Humanistischen Psychotherapie zu erreichen.
In der Körperpsychotherapie gibt es verschiedene Orientierungen. Ich werde fachliche Gründe für eine humanistisch-erlebenszentrierte Orientierung präsentieren.
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Ulfried Geuter

Prof. Dr., Dipl. Psych., Körperpsychotherapeut und Psychoanalytiker in eigener Praxis; Dozent, Lehrtherapeut und Lehranalytiker; unterrichtet Körperpsychotherapie an verschiedenen Ausbildungsinstituten und an der Universität Marburg; zahlreiche Veröffentlichungen; letztes Buch: Körperpsychotherapie. Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis, 2015; zur Zeit Arbeit an einem Lehrbuch der körperpsychotherapeutischen Praxis; Mitglied des Continuous Congress Content Committee der EABP.

Kathrin Stauffer

Ich werde eine kurze Übersicht über den aktuellen Zustand der KPT in Grossbritannien geben, wo es kein Psychotherapiegesetzt gibt, aber wo sich der Berufstand selbst reguliert. Ich möchte dann die Frage der heutigen Gesellschaft ansprechen und was KPT anzubieten hat zur Therapie der zunehmenden Präsentationen Burnout und diffuse Ängste, aber auch Narzistissche Störungen. Meine Erfahrung ist, dass KPT sehr wohl in der Lage ist, für Burnout und Ängste sehr vieles anzubieten; hingegen haben wir auf der Körperebene nicht viele spezifische Konzepte, die uns helfen würden, die darunterliegenden narzistischen neurotischen Prozesse anzugehen.
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Dr. Phil, in der Schweiz geboren und aufgewachsen und war ursprünglich Biochemikerin. Sie hat die KPT Ausbildung am Chiron Centre for Body Psychotherapy in London absolviert. Autorin des Buches ‘Anatomy & Physiology for Psychotherapists: Connecting Body & Soul’ (W.W. Norton 2010). In Privatpraxis in Cambridge (England) als Körperpsychotherapeutin, EMDR-Therapeutin und Supervisorin. Momentan ist sie die Vorsitzende des EABP Rates der Nationalen Vebände (Council) und Vorstandsmitglied der EABP. Sie hat Workshops über Selbstvertrauen im Körperpsychotherapieberuf angeboten und an einem Panel über Frauenfragen am Athener Kongress 2016 teilgenommen. www.stauffer.co.uk