Panel I

Neue Symptome und Störungen - Körperpsychotherapie in einer sich verändernden Welt

Moderation Thomas Harms (D):  Viele Patienten, die heutzutage in eine Körperpsychotherapie kommen, leiden an einer geschwächten Selbstwahrnehmung, geringer Bindungssicherheit und einem instabilen Selbstwertgefühl. Viele dieser Symptome werden Persönlichkeitsstrukturen zugeordnet, die ihren Hintergrund in narzisstischen und Borderline – Störungen haben. In dieser klinischen Podiumsdiskussion wollen wir erörtern, wie wir unsere Perspektiven, Methoden und diagnostischen Systeme verändern müssen, wenn wir mit diesen “modernen” Symptomen und Störungen zu tun haben. Sind die diagnostischen Entwürfe, wie etwa die Charaktermodelle von Reich und Lowen, immer noch ausreichend, um diese weitverbreiteten Phänomene zu erfassen und verstehen? In welcher Weise müssen wir unsere Arbeitsstile verändern, um diesen neuen Herausforderungen Schritt zu halten? Welche wissenschaftlichen Einflüsse (wie Trauma- oder Säuglingsforschung) müssen in unsere diagnostischen Landkarten der modernen Körperpsychotherapie aufgenommen werden.

Thomas Harms

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Thomas Harms

ist als Psychologe, Körperpsychotherapeut, Ausbilder in Bremen tätig. Er leitet dort das Zentrum für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie (ZePP). In seiner Arbeit ist er spezialisiert auf die körperpsychotherapeutische Arbeit mit Eltern und Säulingen mit traumabedingten Bindungsstörungen.

Luisa Barbato

Die neuen Symptome als Ausdruck der Leere


Neue Symptome und Störungen können als Symptome der Moderne verstanden werden. Sie werden in drei Hauptgruppen klassifiziert: Depressionen, Süchte und Panikattacken. Aber was verbindet diese Symptome? Was ist ihr gemeinsamer Nenner? Wir können sie als Symptome der Leere definieren, die sich zusammenfassen lassen als Tabu des Sterbens, der Ichschwäche und menschliche Fehlbarkeit. Zudem gibt es noch Energieverlust und Schwächungen, die Folgen einer mangelnden Möglichkeit sind, Trennungen. Trauer und Misserfolge im Leben zu verarbeiten. Hieraus ergeben sich weitere Fragmentierungen der individuellen und sozialen Systeme. Es ließe sich somit sagen, dass wir in einem Borderline- Zeitalter leben, in dem die Beschleunigung unserer individuellen und gemeinschaftlichen Zeit einen allgemeinen Energieverlust auslösen. Dieser Verlust und Verringerung der Energie muss in unsere diagnostischen Landkarten innerhalb der modernen Körperpsychotherapie aufgenommen werden.
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Luisa Barbato

ist zertifizierte Reichianische Körperpsychotherapeutin und Vorstandsmitglied und Suopervorin der SIAR (Italienische Gesellschaft für Reichianisches Analyse). Sie arbeitet als Körperpsychotherapeutin in Rom in privaten und öffentlichen Einrichtungen sowohl mit einzelnen als auch mit Gruppen. Sie ist Leiterin des Wissenschaftlichen Komitees der AIPC (Italienische Gesellschaft für Körperpsychotherapie). Sie wurde gewählt als Vorstandsmitglied des italienischen Berufsbverbandes der Psychologen und sie ist zudem Vorstandsmitglied des Forums der anerkannten Ausbildungsinstitute in Europa. Sie lehrt Körperpsychotherapie an verschiedneen italienischen Weiterbildungsinstituten.

Regina Hochmair

Burn-Out und verlorene Selbstbeziehung


Biologische und psychosoziale Bedingungen können die Ursachen für ein Burn-Out sein. Betroffene Burn – Out -Patienten werden hart mit sich selbst konfrontiert. Nur durch den Einsatz ihrer kompletten Lebensenergie gelingt es ihnen, die gesteckten Leistungsideale zu übertreffen. Die damit verbundene Selbstausbeutung ist nicht mehr zu übersehen.
Das Pulsationsmodell sowie die Anwendung von nonverbalen Techniken, wie sie von der Funktionale Analyse und anderen Methoden der Körperpsychotherapie entwickelt wurden, beleben jene Menschen, die in einem Zustand aus Angst und Depression gelandet sind.
Die von Wilhelm Reich entwickelten Ansätze sind tröstliche Angebote für jene Patienten, die sich in ihrem eigenen Spiegelbild verloren haben. Mit der therapeutischen Unterstützung gelingt es ihnen, zu sich selbst zurück zu finden. Dabei wird dem Konzept des Instroke eine spezielle Bedeutung beigemessen.

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Regina Hochmair

ist Fachärztin für Allgemeinmedizin. Sie hat die PSY-Diplome (Psychosoziale, Psychosomatische und Psychotherapeutische Medizin) der Österreichischen Ärztekammer erworben und absolvierte den Masterstudienlehrgang für Verhaltenstherapie. Sie ist Gastdozentin im Weiterbildungslehrgang der AABP (Reichianische Grundprinzipien, Pulsation-Rhythmik des Lebens).
Seit 1988 arbeitet sie parallel zu ihrem medizinischen Werdegang als Reichianische Körpertherapeutin. Körpertherapeutische Ausbildungen in Radix und Funktionaler Analyse. Seit März 2006 arbeitet sie am Aufbau einer Station in der Klinik Pirawarth für Menschen mit stressassoziierten Symptomen (Burnoutsyndrom) als Leiterin der Abteilung für Psychosomatik.

Marianne Bentzen

Ein Modell der emotionalen Reife – Kompetenzniveaus statt Themen


Emotionale Reife ist das Ergebnis von drei universellen Aspekten psychologischer Aufmerksamkeit. Zuerst sollen diese drei Aspekte der Entwicklung in einem Fallbeispiel genauer betrachtet werden. Danach werde ich zeigen, wie wir bei Trauma- und Charakterthemen den geeignetsten Weg finden, um mit ihnen zu arbeiten. Dabei sollen diese Grundkompetenzen auf drei Ebenen unterschieden werden:
Verkörperung – unsere grundsätzliche Erfahrung der Lebensenergie, der Gefühle und des Zusammenseins
Symbolisierung – unsere Fähigkeit, emotional nicht stecken zu bleiben, verschiedene Perspektiven einzunehmen und die Fähigkeit, Einsichten aus einem Bereich in andere zu übertragen.
Mentalsierung – als Letztes gilt es die Kunst zu entwickeln, uns selbst von Außen zu betrachten und Andere von Innen.
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Marianne Bentzen

ist Körperpsychotherapeutin und Autorin. Sie war Ausbilderin für Bodynamic von 1985 – 97, seit 1998 haben sie und Susan Hart ein neuroaffektives Persönlichkeitsmodell entwickelt, das einen Bogen von der Wiege bis zur Urne spannt (NAPD). Mariannes Arbeit reicht von der psychomotorischen Entwicklung, der Entwicklungs-Neuropsychologie, über die Traumabehandlung, Evolutionspsychologie bis hin zu systemischen Ansätzen. Durch ihre langjährige Meditationserfahrung bringt sie auch spirituelle Perspektiven in ihre Arbeit.

Eva Kaul

Ausgebrannt von der Obsession, sich gut zu fühlen


Wir erlebten in den letzten fünfzig Jahren die Ablösung der Disziplinargesellschaft, welche persönliche Freiheit durch traditionelle Rollen und Gebote einschränkte, durch die heutige Leistungsgesellschaft mit ihrem Imperativ zu sozialem und beruflichem Erfolg. Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich auch in der Diagnose psychischer Krankheitsbilder, wie zB. dem Burnout-Syndrom. Dessen Genese kann als Interaktion von Gesellschafts-, Arbeitsplatz- und Persönlichkeitsfaktoren verstanden werden, das Syndrom selbst als Risikofaktor für verschiedenste psychische und physische Krankheiten. Für Diagnostik und Therapie des Burnout-Syndroms eignet sich daher besonders eine multidimensionale Betrachtungsweise mit Einbezug von Körpererleben, Emotionen, Kognitionen und soziokultureller Lebenswelt inkl. Werte und Spiritualität.
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Eva Kaul

Dr. med., Innere Medizin FMH, psychosomatische und psychosoziale Medizin SAPPM, Körperpsychotherapeutin in eigener Praxis (Integrative Body Psychotherapy IBP, Egostatetherapie, ACT, Life Span Integration), Lehrbeauftragte und Supervisorin für IBP, Zen-Schülerin bei Willigis Jäger und André Dayu Steiner.